Sonntag, 4. August 2013

Mein sexistisches Privileg.

Ich laufe auf die Baustelle zu, muss durch eine schmale Gasse zwischen Hauswand und Bauzaun. Senke den Blick, höre meine Schritte auf dem Asphalt. Sehe, wie die Bauarbeiter aufblicken, sich angucken, angrinsen und mir hinterherpfeifen. Irgendwas hinterher rufen, was ich gar nicht hören will. Was ich am Liebsten ausblenden würde. Und ich denke noch: Nächstes Mal wieder zehn Minuten früher losgehen und den Umweg nehmen - nicht an der Baustelle vorbei müssen, nicht ständig die gleichen Sprüche, die mich so sehr ankotzen.
Genau so am gleichen Abend. Die Gruppe Männer, auf die ich zugehe. Sie stehen auf dem Gehweg, nehmen Platz ein, sind laut. Ich sehe es, wechsel die Straßenseite, weil ich einfach nur in Ruhe nach Hause gehen möchte. Die Hand, die ich letztes Mal auf meiner Hüfte gespürt habe, hat gereicht.
Achtsam sein, jeden Tag wieder, weil ich als Frau allein unterwegs bin. Weil irgendwelche Typen meinen, es wäre okay zu grinsen, zu starren, anzufassen, einzuengen, Platz einzunehmen, Platz wegzunehmen, mir Sprüche hinterherzurufen.

Das ist street harassment - wenn Fremde Dich auf der Straße nicht respektvoll behandeln. Sprich, wenn Du durch Fremde Sexismus, Rassismus, Antisemitismus und jede andere Form von Menschenfeindlichkeit erfahren musst. Street harassment hat System. Du bist allein, Du passt jemandem nicht. Du bist nicht männlich, gesund, weiß und hetero? Dann nimmst Du vielleicht die gleichen Umwege und Umstände auf Dich wie ich, um Deine Ruhe zu haben.

Und dann bin ich mit meinem Freund unterwegs, laufe auf eine Gruppe Männer zu, die ich sonst gemieden hätte und greife wie selbstverständlich nach seiner Hand. Wir gehören zusammen - bzw. in diesem Moment: Ich gehöre zu ihm. Kein Spruch, kaum ein Blick. Und das ist eben der Moment, in dem ich aktiver Teil eines sexistischen Systems werde. Ich verstecke mich hinter einem Typ und bin dadurch in öffentlichen Räumen sicher. Ja, toll. Übergriffige Männer lassen mich nur in Ruhe, weil ich in dem Moment als Eigentum eines anderen Mannes gelte. Das ist Scheiße. Weil ich damit das System reproduziere, das ich eigentlich bekämpfen möchte. Ich möchte stark sein, möchte drüber stehen, möchte mich nicht hinter einem Mann verstecken müssen. Aber in dem Moment bin ich safe und greife aus Reflex nach seiner Hand. Es kotzt mich an, dass ich in einer Gesellschaft lebe, in der das nötig ist. Und noch viel schlimmer ist es, dass andere Frauen dieses Privileg eben nicht haben. Dass sie sowohl die sexistische Scheiße erfahren müssen, die ich erfahre, als auch mit ihrer Partnerin im öffentlichen Raum nicht als Paar auftreten können, weil sie damit auch noch heterosexistische Grenzüberschreitungen ausgesetzt werden. Die Partnerin kann nicht wie mein Partner einen Schutzraum bieten, es geschieht genau das Gegenteil: Allein wären sie sogar sicherer.

Genau so gehöre ich auch in vielen anderen Bereichen zu den Privilegierteren dieser Gesellschaft. Ich bin weiß, trage kein Kopftuch, bin gesund, reich und mit einem Mann zusammen. Andere Menschen erleben street harassment in ganz anderen und gefährlicheren Formen als ich. Sie erleben es aus mehreren Gründen. Ich erlebe Grenzüberschreitungen meist nur durch Männer, weil ich eine Frau bin. Ich erlebe keine cissexistischen Anfeindungen, weil ich mich meist in meinem Körper wohl fühlen kann. Das ist ein Privileg, das andere Menschen so nicht haben und ich bin mir dessen bewusst.
Ich vermag nicht darüber zu urteilen, in welchen Formen andere  Menschen von street harassment betroffen sind und wie es sich auswirken würde, wären sie in Begleitung eines weißen, gesunden Hetero-Mannes.

Aber mir kann mein Partner einen Schutzraum geben, weil er privilegiert ist. Weil man ihm zuspricht, mich zu besitzen, sobald er seinen Arm um mich legt oder meine Hand nimmt. Seine Privilegien schützen mich. Um mir mehr Schutz zu geben, läuft er vielleicht sogar einen Schritt vor mir, schützt mich vor nervigen Blicken. Er ist sich seiner Funktion bewusst, tut das, weil er mich schützen möchte. Trotzdem reproduzieren wir damit das System, obwohl wir nicht als heteronormatives Paar auftreten wollen und dieses System beide nicht stützen wollen. Es ist genau das, was ich eigentlich bekämpfe. Ich möchte jeden Tag dafür kämpfen, dass ich selbstbewusst durch Männergruppen gehen kann und das keine Rolle mehr spielt. Möchte nicht, dass ich mir Umwege überlege, um dem zu entgehen. Aber wenn es so weit ist, geht für mich mein Selbstschutz vor und ich bin froh, wenn mein Partner da ist. Weil ich weiß, dass andere in dem Moment doppelt von sexistischen Übergriffen betroffen sind.
Ich bin froh, dass er mir diesen Schutz bieten kann. Aber ich bin es leid, mir dieses Privileg nicht selbst geben zu können.

Ich bin Teil des Systems und in diesem ist mein Partner mein sexistisches Privileg.

1 Kommentar:

  1. Danke für den Artikel, ich habe in der letzten Zeit ähnliche Beobachtungen gemacht.

    Generell mache ich mir Gedanken, wie ich, wenn ich eine Hetero-Beziehung führe, gegen Heteronormativität sein kann. So viele Widersprüche, die mir irgendwie zu schaffen machen... Kennt jemand gute Texte dazu?

    AntwortenLöschen