Donnerstag, 16. Mai 2013

Zurückziehen.


Eigentlich wollte ich was ganz anderes schreiben. Mit klarem Konzept, das habe ich jetzt nicht. Aber es lässt mich nicht los. Die Gedanken kreisen. Einbahnstraßen, immer wieder die gleichen Fragen.
Workers Youth Festival. 3.500 Menschen. Internationale Solidarität. Monatelange Vorfreude.
Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Ja, irgendwie war es schön, Leute wiederzusehen, Menschen kennenzulernen, Sookee, Feine Sahne Fischfilet. Es gab definitiv schöne Momente. Glitzermomente.
Aber irgendwie ist das nicht alles. Es bleibt dieses dumpfe Gefühl. Das Gefühl, sich selbst nach Fehlern abzusuchen, sich selbst zu fragen, an welchem Punkt es aus dem Ruder gelaufen ist. Wann haben die Übergriffigkeiten angefangen? Wann dachte ich zum ersten Mal: Ich fühle mich unwohl? Ich weiß es nicht.
Die Erwartung, dass es Übergriffe geben würde, die war präsent. Natürlich, alles andere ist naiv. 3.500 Menschen, Alkohol, Festival-Stimmung. Ich habe noch kein Festival ohne Sexismus erlebt. Der dumpfe Sexismus fällt vielleicht weg, aber der unterschwellige, der, der am meisten schmerzt, die größten Wunden hinterlässt, der bleibt.

Ich habe nicht gezählt, wie viele sexistische Sprüche ich gehört habe. Wie viele Sprüche es waren, die weh taten. Die immer noch weh tun. Aber was noch mehr schmerzt, ist der Gedanke, den ich dabei hatte. Es gab eine Festival-Awarenessgroup, die auch durchgehend im Dauereinsatz war. Bei dem ersten Spruch hatte ich mein Handy in der Hand, entschlossen, die Awareness-Gruppe anzurufen. Aber irgendwie kam der Gedanke: Nein, lass mal. Geh einfach weg. War schon nicht so schlimm. Hätte schlimmer sein können. Anderen passieren hier schlimmere Sachen. Das ist der Punkt, an dem ich nie sein wollte. Der, an dem ich einen Vergleich zwischen schlimmen und nicht-schlimmen Übergriffen versuche, der, an dem ich versuche, alleine klar zu kommen, obwohl ich es nicht müsste. Kopfschütteln, weggucken, weggehen. Danach darüber reden, manchmal einfach schweigen.
Ich bin im Moment angeschlagen. Das hätte ich nicht gebraucht. Das war zu viel.

Nein, aber das war nicht das Schlimmste. Es war dieser Moment vor der Demo am Samstag. 3.500 Genoss_innen aus vielen verschiedenen Ländern. Erhobene Fäuste, “Hoch die Internationale Solidarität!”. Irgendwie ist es ein schönes Gefühl zu merken, dass ich mit dieser Idee von einer Gesellschaft nicht alleine bin. Zu sehen, dass der Demo-Zug kein Ende hat, das fühlte sich gut an. Aber dann die Freundin aus dem LGBTIQ*-Zelt, die von einem Übergriff erzählte. “In meiner Religion existierst du nicht.”, schreien, weinen, kotzen. Dann die Frage: Was sind hier für Menschen? Auf einem linken Festival? Nichts mit Schutzraum, kein Stück. Und dann wieder der Blick auf den Demo-Zug und das dumpfe Gefühl im Magen: Mit euch will ich nicht solidarisch sein. Das könnt ihr euch schenken. Das Gefühl von Zusammenhalt ist weg. Seit dem WYF. Klar, ich weiß, es gibt die Guten da draußen irgendwo, blöde Menschen laufen überall rum. Aber in diesem Zug von Menschen mit für den Sozialismus erhobenen Fäusten, waren einfach so viele, mit denen ich mich nicht verbunden fühlen kann. Die glotzen, starren, anfassen, nicht fragen. Die sagen: In meiner Religion existierst du nicht.
Kaum Menschen, die Schutzraum bieten. Das LGBTIQ*-Zelt, das war ein Schutzraum, ohne laute, ins Wort fallende Menschen. Meine Freund_innen auch. Klar, ich hatte Rückzugsorte. Aber in diesem Demo-Zug, da gehörte ich einfach nicht hin. In dem Moment bricht alles über dir ein. Die Sprüche vom Abend zuvor, die Blicke.

Nein, das war noch nicht genug. Samstag Abend, Friedensplatz. Die Orsons. Bei dem Gedanken hatte ich vorher schon Bauchschmerzen. Einige von uns haben dagegen protestiert. Dafür hat es bei mir nicht mehr gereicht. Aus Selbstschutz. Wir sind vorher gegangen, haben uns zurückgezogen, wollten das nicht mit ansehen. Haben vielleicht gehofft, dass das mehr Leute so machen würden. Und die Berichte davon machen alles noch schlimmer. Fliegende Flaschen? Sprüche? An dieser Stelle verlinke ich einfach nur einen der Beiträge, die dazu schon geschrieben wurden. Die gelesen werden sollten.

Was bleibt, ist die Frage, wo wir jetzt stehen_wo ich jetzt stehe, nach diesem Festival. Wie ernst wird antisexistische Arbeit bei uns genommen? Was bedeutet das für uns, die wir versuchen, die antisexistische Arbeit voranzubringen? Und irgendwie bleibt Fassunglosigkeit. Über Blicke, über Sprüche, darüber, wieso die Orsons überhaupt eingeladen wurden.

Für mich bedeutet das alles erstmal: Zurückziehen. Es reicht wieder, ich brauche Zeit. Zeit, mich wieder in den Kreisen bewegen zu können.

Auch ich mache weiter, wenn ich mich einige Zeit zurückgezogen habe, um mich zu erholen. Laßt uns Geduld miteinander haben und uns ehrlich die Dinge eingestehen, die wir noch nicht können.

Ja, irgendwann mache ich auch wieder weiter. Aber ich bin es leid, mich aus linken Kontexten zurückziehen zu müssen, wenn diese doch eigentlich Schutzräume sein sollten. Wieso müssen die mir weh tun? Wieso muss ich davor Angst haben? Wieso muss ich mir um Freund_innen Sorgen machen, weil die dort noch schlimmere Dinge erleben?

“Ich sehe, wie in grellem Scheinwerferlicht, zehnfach vergrößert, die täglichen Details meiner Unterdrückung, die täglichen Details des Schmerzes anderer Frauen. Ich habe keine Abwehr mehr dagegen, keine Scheuklappen, ich sitze mittendrin wie ein Muscheltier ohne Schale.”

Ich fühle mich schutzlos. Schutzlos in den Räumen, die Schutz bieten sollten.

Kommentare:

  1. komm ich nehm dich in meine Arme und vergiss nicht, schon wir zwei sind stark, verletzt -ja, so tief manches Mal zu tief- ja, eine Weile traurig traurig traurig dann kommt die Wut...die Suche nach Antworten, für dich erst alleine, dann für so viele andere, vielleicht..... dann stehst du auf und bewegst dich , bewegst dich in die einzig richtige Richtung mit erhobenem Kopf , klaren Augen und mit Liebe und Vertrauen im Herzen: was wir wollen: Gerechtigkeit, Gleichheit und Solidarität!
    Die menschliche Gesellschaft.

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  2. macht mich sehr traurig, das zu lesen. Anscheinend bin ich inzwischen ein altes, leidgeprüftes sozialistisches Muscheltier mit Schale bzw. guten Reflexen (ich war z.B. während des Orsons Konzert auch nicht da, sondern in vertrautem vier Augen Gespräch abseits). Wenn ich etwas für Dich tun kann, melde Dich unbedingt, ich freue mich über jedes Wort (auch wenn es traurig macht wie diese) und fühle mich stark genug um was abzugeben. Wir finden Wege! Die menschliche Gesellschaft kommt nicht (von) allein.

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  3. Da es irgendwie nicht geht blogsortenübergreifen zu verlinken, wollte ich nur kurz Bescheid sagen, dass ich Deinen Text unter einem Text von mir, der vor dem Festival zu den Orsons entstanden ist, verlinkt habe: http://s1rmusic.wordpress.com/2013/04/28/alles-nur-ironie-aka-kunst-darf-alles/#comment-116

    Ich habe mich unter anderem aus ähnlichen (und weiteren die ich auch zum kotzen finde) Gründen wie Du beschreibst ziemlich stark aus linken Strukturen rausgezogen. Es ist zwar deprimirend, dass sich immer wieder Leute wegen Sexismus und anderen ismen zurückziehen, statt das sich mal ernsthaft was an den linken Räumen ändert, aber ich muss sagen mir hat der Rückzug einiges an Lebensqualität und Kraft für andere Dinge als um antisexistische Mindeststandarts in linken Räumen zu kämpfen gebracht. Daher wünsche ich Dir, dass Du auch etwas konstruktives für Dich aus Deinem "zurückziehen" ziehen kannst. Solidarische Grüße

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  4. Danke für diesen kurzen Text. Ich kenne das Gefühl ganz genau, und viel zu oft.
    Aber Dein Text, diese kurze Erinnerung daran, daß es eben GENAU DESWEGEN wichtig ist, IMMER GLEICH das Maul aufzureißen statt sich dem ansozialisierten, irgendwie auch verführerischen "ist ja nicht so schlimm/anderen geht's schlimmer" zu ergeben, hat mich dazu gebracht, gestern jemandem enorm kontra zu geben! Und es hat GUT getan.
    Dafür DANKE!
    xoxo

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