Freitag, 17. Mai 2013

Nein, das ist kein Feminismus.

Vor wenigen Tagen erschien in der New York Times ein sehr persönlicher Beitrag von Angelina Jolie. Darüber, dass ihr ihre Brüste abgenommen wurden, weil das Risiko, Brustkrebs zu bekommen, bei fast 80 Prozent lag. In diesem Beitrag schreibt sie, wie sie zu dieser Entscheidung kam und sagt explizit, dass sie Frauen Mut machen will und spricht darüber, was das mit Weiblichkeit zu tun hat. Der Text ist sehr empfehlenswert (allerdings auf Englisch). So weit, so gut.
Ich glaube kaum, dass es unsere Aufgabe sein kann, das zu beurteilen, zu hinterfragen oder es besser zu wissen. Und genau deshalb hat die EMMA mit einer Diskussion dazu wieder einmal bewiesen, dass in der Redaktion irgendwas gewaltig schief läuft.
Die EMMA titelt im Diskussionsforum: “Mutig oder feige?” und ruft damit explizit dazu auf, Angeline Jolies Verhalten zu beurteilen und es besser zu wissen. Alle, die sich wenig mit Krebs, mit dem Risiko und mit dieser Entscheidung beschäftigt haben, dürfen sich aufgerufen fühlen, mitzudiskutieren und es besser zu wissen.
Der Diskussionseinstieg durch die EMMA-Moderation lautet wie folgt (Achtung: Kotzen!):

"Mutig oder feige? - Alice Schwarzer über Angelina Jolie
Angelina Jolie ist mutig. Kein Zweifel. Sie lebt bis heute relativ unangepasst. Sie engagiert sich in Film wie Leben für vergewaltigte Frauen im Krieg. Sie geht jetzt mit einer schockierenden, intimen Information an die Öffentlichkeit. Die 37-Jährige hat sich beide Brüste amputieren bzw. aushöhlen lassen. Grund: Angst vor Brustkrebs. Dazu hat Jolie verschärfte Gründe. Nicht nur ihre geliebte Mutter starb mit 56 an Brustkrebs, auch sie selbst trägt das Brustkrebsgen BRCA1 in sich. Laut Experten erhöht das das Risiko zu erkranken um 60 bis 90 Prozent. Doch lässt sich ein solches Problem mit dem Messer lösen? Kann ein Mensch Körperteile, die bedroht sein könnten, einfach abschneiden und bleibt dann gesund zurück? Gewiss nicht. Ein so entfremdetes, mechanisches Verhältnis zum eigenen Körper trägt dem komplexen Zusammenspiel eines Körpers inklusive der Rolle psychischer Einflüsse kaum Rechnung. Jolies Operation ist also weder mutig noch feige, sie ist eine Panikhandlung. Und Panik ist ein schlechter Ratgeber. Die Schauspielerin wäre besser beraten gewesen, ihren eigenen Körper maximal zu beobachten, sich alle sechs Monate untersuchen zu lassen – und umgehend zu handeln, sobald erste Anzeichen für eine Erkrankung auftreten. Ein Vorbild sollte Angelina Jolie in dem Punkt also nicht sein. Meine ich. Und was meint ihr?"

Kurz: Alice Schwarzer sagt, das Verhalten sei weder mutig noch feige, nimmt sich dann aber einfach so das Recht heraus, Angelina Jolie ein “entfremdetes, menchanisches Verhältnis zum eigenen Körper” und eine “Panikhandlung” vorzuwerfen und ihr Ratschläge zu erteilen.
Die Kommentare darunter in der Diskussion machen es nicht besser: Besser wissen, urteilen, in Frage stellen.
Feminismus bedeutet für mich, dass ich Frauen in ihrer eigenen Entscheidung unterstütze, dass ich solidarisch bin und dass ich sie nicht dafür verurteile. Es geht darum, selbstbestimmt mit dem eigenen Körper umzugehen. Ich muss es nicht gut heißen, muss es nicht nachmachen. Warum auch? Ich bin genauso selbstbestimmt / will es jedenfalls sein.
Angelina Jolie ist damit an die Öffentlichkeit gegangen, um zu zeigen, dass die Möglichkeit besteht. Dass es nichts mit Weiblichkeit zu tun hat. Und nicht, weil sie damit erreichen wollte, dass alle das Gleiche tun. Das schreibt sie genauso und ich frage mich, wieso sich Feminist_innen berufen fühlen, ihre Worte umzudrehen und ihr Verhalten zu beurteilen!
Keine Frau* muss meinem Lebensentwurf entsprechen, damit ich solidarisch mit ihr bin. Darum kann es nicht gehen. Es gibt kein richtig und falsch. Es ist einfach so müßig, immer wieder das Gleiche zu hören und in Frage gestellt zu werden.

Und wieder einmal: Liebe EMMA, das ist kein Feminismus. Ihr seid kein Stück besser als der Rest.

Kommentare:

  1. Alice Schwarzer schreibt am Ende ganz ausdrücklich: "Meine ich. Und was meint ihr?" Ihr geht es um die Frage, ob Jolie ein Vorbild sein sollte, und dazu hat Schwarzer eine Meinung, die sie äußert. Das ist meines Erachtens völlig in Ordnung, denn die Lösung, die sie für sich gefunden hat (die du falsch aber euphemistisch mit "die Brüste abnehmen lassen" beschreibst, während Schwarzer dafür härtere, , muss nicht für jede Frau, die betroffen ist, die richtige sein. Welche Entscheidung für eine Person die richtige ist, bekommt diese nicht unbedingt im stillen Kämmerlein heraus, sondern in kontroversen Diskussionen, in der man die Entscheidungen anderer Personen diskutiert - und das war ja auch Jolies Ziel. Nur so kommt eine betroffene Person, die sich im Konflikt mit sich selbst befindet, überhaupt zu einer eigenen Entscheidung.

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    1. Frau Schwarzer unterstellt Frau Jolie eine pathologische Einstellung zu ihrem Körper. Das ist nicht mehr nur eine Meinung. Und Merles Beschreibung dessen, was Frau Jolie hat machen lassen, ist mit nichten euphemistisch. Danke.

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  2. Oh, Entschuldigung, da habe ich eine Ergänzung mitten im Text nicht zu Ende geschrieben, das sollte heißen "... während Schwarzer dafür härtere, aber zutreffende Worte benutzt,..."

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  3. Nein, Jörg Friedrich, ich stimme Merle zu, dass es nicht feministisch (im Sinne von Empowerment + Selbstbestimmtheit jeder Person unabhängig von Geschlechter(rollen)zuschreibungen) ist, zur Beurteilung eines solchen Schrittes aufzurufen. Es ist für mich kein Argument, dass Jolie es selbst angefangen hat durch ihren Schritt an die öffentlichkeit. Ihre Position steht für sich, es braucht keine Reaktion und Bewertung und es kann für eine persönliche selbstbestimmte Entscheidung keine bessere durch eine Diskussion entstehen als die, die die einizige Betroffene begründet hat.

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  4. Nur ein kleiner Hinweis auf einen Faktenfehler: Jolies Brustkrebsrisiko lag bei 87% (also fast 90 % statt fast 80%).

    Was Alice Schwarzer schreibt ist einfach nur widerlich, angefangen mit dem "sich die Brüste aushöhlen lassen". Und ein hinten dran gepapptes "Meine ich. Und was meint ihr?" macht aus sowas noch keine simple Meinungsäußerung, da stimme ich dir voll zu.
    Das mit dem "entfremdeten, mechanischen Verhältnis zum eigenen Körper" kam ja auch aus der Eso- und Bio-Ecke, wo auch gleich wieder darauf geschlossen wurde, dass das ja in unser heutigen Zeit/Gesellschaft ein genereller Missstand sein und frau einfach nur besser auf sich achten müsse. Alice Schwarzer, ey. Die hängt sich auch immer an die richtigen dran.

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