Donnerstag, 16. Mai 2013

Das dumpfe Gefühl

Nach relativ langer Zeit und dem Festival in Dortmund schreibe ich nun auch endlich mal wieder. Vieles ist passiert, es geht mir nach wie vor gut. Heute Abend geht es los zum Zwischenseminar nach Serbien. Erst drei Tage Belgrad, dann irgendwo im Nichts das Seminar. Ich freue mich auf die anderen Freiwilligen, auf die Gespraeche und darauf, Erfahrungen auszutauschen.
Eine Erfahrung, die ich gestern machen musste, werde ich dort auch auf jeden Fall ansprechen müssen. Weil ich mir nicht sicher bin, wie ich damit umgehen soll.
Ich saß mit einer Lehrerin auf dem Schulhof, mit der ich mich mit Abstand am Besten verstehe. Wir haben eine vierte Klasse beaufsichtigt, die da gespielt hat und uns gut unterhalten. Über alles mögliche, viel Privates. Es ist schön, ganz normal mit jemandem reden zu können, das fehlt manchmal etwas. Ich halte sie für eine wirklich gute Lehrerin, die ihre Klasse wirklich sehr mag und sich viel Mühe mit allem gibt. Dann lief ein Junge aus der Klasse vorbei, in der sie Klassenlehrerin ist. Er hatte einen Stock in der Hand, hat etwas gerufen. Es war laut und unruhig, Kinder halt. Wie Kinder halt so spielen, toben. Und dann sagte die Lehrerin:

“Bei ihm kommt langsam das Zigeunerblut durch in den Hormonen.”
Und ich war fassungslos, habe nichts gesagt. Konnte nichts sagen. Zigeuner? Zigeunerblut? Zum Glück war die Stunde kurz darauf zu Ende, ich bin gegangen und habe lange darüber nachgedacht. Darüber, was das jetzt für mich heißt, für uns beide, wir fahren bald zusammen auf Klassenfahrt. Es geht ja nicht nur um den Begriff “Zigeuner”. Kann sein, dass sie sich einfach nicht dessen bewusst ist, dass das auf Deutsch schwierig ist. Dass die Sensibilisierung einfach nicht da ist. Sie meinte es nicht böse, sie liebt diesen Jungen und behandelt ihn im Unterricht nicht anders als die anderen. Was mich fertig macht, ist dieser tief sitzende Antiziganismus, der biologistische Gedanke, dass bestimmte Menschen (die ja auch von außen einfach einer Gruppe zugeordnet werden) anders waeren als andere. Mir wird übel, wenn ich das höre, schwindelig, weiß nicht, wie ich weitermachen soll. Jegliche Unterdrückung ist hier so tief in den Köpfen verankert, dass ich mich hilflos fühle, weil ich weiß, dass ich nichts dagegen machen kann. Wie soll ich Antisemitismus, Antiziganismus, Antizionismus und Rassismus hier gegenübertreten? Welche Möglichkeiten habe ich überhaupt?
Ich kann es nicht ignorieren, kann nicht einfach schlucken und weggucken. Ansprechen ist schwierig, war in dem Moment für mich nicht möglich, ich war fassungslos. Vielleicht spreche ich es auf der Klassenfahrt mit ein bisschen Abstand an, keine Ahnung, ob das geht. Ich bin zwiegespalten, möchte es klaeren, möchte ihr sagen, dass das nicht so einfach ist, dass der Begriff Zigeuner_in nicht gut ist und dass es keine Menschen erster und zweiter Klasse gibt, dass alle Menschen gleich sind. Aber gleichzeitig möchte ich dem aus dem Weg gehen, weil ich Angst vor diesen Gespraechen habe, weil ich diese menschenverachtenden Wörter und Theorien nicht hören will, weil sie mich so runterziehen.
Ich weiß nicht, wie es jetzt weitergehen soll, wie ich mit ihr umgehen soll. Wir haben gleich eine Stunde zusammen, aber ich kann das nicht vergessen. Es steht zwischen uns und sie weiß noch nicht einmal davon.
Das musste ich nur loswerden und hoffe, dass wir auf dem Zwischenseminar irgendwie darüber reden können und dass ich nicht alleine bin mit diesem dumpfen Bauchgefühl, das mich einfach nicht mehr loslassen will.

1 Kommentar:

  1. An dem Spruch hat mich jetzt weniger das Wort "Zigeuner" verstört als der Anhang "-Blut" bzw. die "Hormone", also das Biologistische, dass aus seiner Abstammung ein "natürliches" (hormongesteuertes?!) Verhalten abgeleitet wird *grusel* - Es gibt viele Situationen, in denen wir nicht spontan reagieren können, aber wenn der gute Draht zu der Kollegin noch besteht schaffst Du es mit etwas "Vorbereitung", ihr ein Feedback zu geben. Finde ich großartig, auch wenn Du es bei ihr nicht machst udn es aber hier schon mal in Worte fasst, dass ist viel mehr als die meisten tun (können).

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