Dienstag, 23. April 2013

Es leid sein oder: Meine kurze Teilnahme am Blog-Projekt

Ich bin raus. Raus aus diesem Blogger_innen-Projekt, das eigentlich ganz vielversprechend klang. Wenn ich es überhaupt Blogger_innen-Projekt nennen darf.
Aber der Reihe nach:Angefangen hat das ganze mit dem Projekt in Österreich, dem viele österreichische Blogger_innen beitraten, um sich besser zu vernetzen, ihre Vernetzung zu visualisieren und zu verbessern. Das ist eine echt coole Sache, um die Blogosphäre übersichtlicher zu machen, zu bündeln und Gleichgesinnte zu finden. Gerade für mich als Bloggerin, die sich mit Gender beschäftigt, ist Vernetzung wichtig, denn viele Blogs von Frauen* bleiben unbemerkt, erlangen nicht sofort so viel Aufmerksamkeit und sollten durch die Community aufgenommen werden. Also war die Idee: Versucht man das Ganze auch mal mit den deutschen Blogger_innen! Und da komme ich irgendwie ins Spiel.Ich wurde also in diese Gruppe eingeladen. Name: "Deutschlands Blogger: ein Projekt". Okay. Hab ich mal reingeguckt. Der Name stört mich. Wieso kann man das nicht neutral formulieren? Wieso müssen wir uns jetzt schon wieder, wo wir doch aus so vielen verschiedenen Richtungen kommen und durch das Netz so viele Möglichkeiten haben, so männlich-dominant durch Sprache geben? Also hab ich mal nachgefragt.




Soweit doch eigentlich kein Problem, oder? Und ja, es gab auch eine Erklärung dafür. (Und damit an dieser Stelle ein großes Danke an Luca Hammer, der in dieser Diskussion standhaft geblieben ist ohne sich auf die dummen Kommentare einzulassen).Teils wurden in der folgenden Diskussion auch noch Argumente ausgetauscht, wie man den Namen ändern könnte, sodass alle zustimmen könnten und andere versuchten wiederum andere von ihren Standpunkten zu überzeugen. Alles soweit in Ordnung und gewohnt. Und dann wurde es eigentlich ziemlich unerträglich: Immer mehr Leute fühlten sich dazu gezwungen, ihren Senf dazuzugeben. Zu sagen "Hey, für mich muss es nicht geändert werden" ist doch absolut kein Problem. Aber stattdessen fing so ein Rumgetrolle an, das von "Warum muss ich bei solchen Diskussionen nur immer an Life of Brian denken..." bis "Ich hätt noch n restbestand political gender correctness abzugeben... :rolleyes" reichte. Ja, danke und tschüss. Das ist ja leider das Niveau, auf dem diese Diskussion immer wieder geführt wird. Dann kommen noch die üblichen Kommentare "Also ich als Frau...", die natürlich implizieren, dass dadurch die Diskussion beendet ist, denn: Wenn sie das sogar als Frau so sieht, dann ist das wohl so richtig! Letztendlich kam dann auch noch ein ach-so-lustiger Kommentar um Unmut gegen Feminist_innen zu schüren: "Das typische Merkman von "Innen" ist, dass sie nicht aufhören können zu diskutieren [...]". Ja, die bösen "Innen"!!!1. Wir alle, die wir uns alle paar Tage mal (oder öfter) im Internet bewegen und Blogs lesen, wissen: Es ist, genau wie alle öffentlichen Räume, männlich dominiert. Hier wird genauso gegrätscht, hier wird Platz beansprucht, Diskussionen werden ähnlich geführt und beendet und das Potential, zum geschlechtslosen Raum zu werden, wird nur selten genutzt. Es gibt also schon weniger bekannte Bloggerinnen als Blogger (was übrigens auch die Statistiken und Visualisierungen des Projekts zeigen). Wieso müssen wir uns dann ausgerechnet schon wieder für einen maskulinen Namen entscheiden? Damit wir uns endgültig wieder in einem Männerclub bewegen? Muss das sein?


Gut, alles schon erlebt. Aber dann ging es ganz runter in den Keller und das war dann der Moment, in dem ich für mich (und auch noch mindestens eine andere) entschieden habe, mir diese Gruppe nicht länger anzutun. Wer bitte möchte bei der gendergerechter/gendersensibler Sprache irgendeinen Bezug zu sexualisierter Gewalt aufbauen? Richtig: Niemand. Nur die nette Frau, die Folgendes meinte äußern zu müssen: 

Ahahahaha, ist ja richtig lustig. Wir sind respektlos, weil wir auf einzelne Blogbeiträge hinwiesen (immerhin in einem Forum mit Bloginteressierten Menschen). Und außerdem: Wenn ihr ein "Typ an den Hintern packt", dann wehrt sie sich (natürlich), aber nur, weil er sie "Bloggerin" nennt und damit das schöne generische Masikulinum versaut! Geht's noch? Ich bleibe in keinem Forum, in dem sexualisierte Gewalt relativiert und ins Lächerliche gezogen wird! Das geht gar nicht und überschreitet jede "Toleranz"grenze. 

Und nun noch ein paar Takte von mir über die deutsche Blogosphäre und warum das natürlich ein Ort ist, an dem gendersensibel formuliert werden sollte.

1. Uns muss bewusst sein, dass öffentliche Räume von Männern beansprucht werden, dass sie Platz einnehmen, Platz wegnehmen und die Norm setzen. Das Internet sollte ein geschlechtsfreier (zumindest jedenfalls diskriminierungsfreier) Raum sein. Trotzdem werden aber mehr Blogs von Männern bekannt und geteilt. Frauen bloggen zwar, jedoch werden die Blogs oft nicht bemerkt, weil sie einfach nicht so viel support erhalten. Und dass es das Problem, dass Raum nicht paritätisch aufgeteilt ist, ebenso im Internet haben, zeigen auch die Statistiken und Visualisierungen des Blogger_innen-Projekts. Das Problem ist bewusst und schwarz auf weiß aufgeschrieben. Trotzdem entscheidet man sich dafür, auch dem eigentlich geschlechtsfreien Forum gleich mit dem Namen einen Stempel aufzudrücken: Männerclub. Ist es nicht klar, dass das keine Frauenförderung ist? Problem bekannt, Lösung verweigert?
2. "Ich als Frau" ist keine Argumentation. "Ich als Frau" gibt es nämlich gar nicht. Ja, es gibt geschlechtsspezifische Diskriminierung gegenüber allen Frauen. Aber habt ihr schon mal darüber nachgedacht, dass Frau trotzdem nicht gleich Frau ist und dass einige Frauen (durch Abweichung von heteronormativen gesellschaftlichen Normen) noch viel mehr Scheiße erleben? Es mag sein, dass "sie als Frau" das generische Maskulinum nicht stört. Das freut mich für sie, damit hat sie es einfach! Es gibt nämlich auch Menschen, die es stört. Mich zum Beispiel. Und es sind nicht nur Frauen, die davon gestört sind, es sind alle Nicht-Männer. Alle, die die gesellschaftliche Norm "Mann" nicht erfüllen. "Ich als Frau" ist damit genauso subjektiv wie ein einfaches "Ich".
3. Wie Sprache funktioniert, welche Auswirkungen sie hat und warum gendersensible Sprache richtig ist und es kein generisches Maskulinum gibt, wurde schon mehrfach aufgeschrieben. Dafür sind die Texte von Anatol Stefanowitsch im Sprachlog auf jeden Fall zu empfehlen und ich selbst habe auch schon zusammengefasst, wieso ich es wichtig finde, zu gendern.

Jedenfalls hat mir dieser kleine Ausflug in die unsensiblen unreflektierten deutschen Blogosphären eines wiedermal klar gemacht (eigentlich war es auch vorher klar, nur musste ich diesen Ausflug naiverweise mal wagen): 

Solidarität unter Feminist_innen überall auf der Welt, im Netz und auf der Straße ist einfach so viel mehr wert als eine Community, in der nur ein Hobby verbindet. Liebe Feminist_innen, ihr seid großartig, ihr gebt mir jeden Tag die tollste Lektüre zu lesen und seid progressiver als diese Menschen, die uns als "Innen" bezeichnen und respektlos im Netz rumtrollen. Verschwenden wir keine Kraft mehr darauf und vernetzen uns, tauschen uns aus, unterstützen und solidarisieren uns!

Gute Nacht.

Kommentare:

  1. So, wie du das schilderst, klingt das wirklich ziemlich unerträglich. Hätte ich wohl auch keinen Bock mehr drauf gehabt. Leute wie die nette Dame, die du als Screenshot zitiert hast, sind echt das Letzte.

    Aber eine Frage zu deinem letzten Absatz: Muss man gegen das generische Maskulinum sein, um Feministin zu sein? Oder andersrum: Kann man unmöglich Feministin sein, wenn man nicht gegen das generische Maskulinum kämpft?

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    1. Für mich ist geschlechtergerechte/-sensible/-neutrale Sprache eine logische Konsequenz aus dem Wissen, dass Sprache männlich dominiert ist. Und dass das feministische Ziel besteht, männliche Dominanz aufzubrechen. Es gibt keine logischen Argumente dafür, Frauen* aus Sprache auszuschließen. Bzw.: Es gibt kein generisches Maskulinum.

      Aber ich würde trotzdem sagen, dass Feminismus möglich ist, solange auch die Bereitschaft besteht, sich noch einmal damit auseinanderzusetzen. Warum formulieren wir Dinge mit _ oder *? Warum tu ich das nicht? Welche Konsequenzen hat meine Sprache für meine Mitmenschen und welche Auswirkungen hat es auf mein eigenes Denken?

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    2. "Bzw.: Es gibt kein generisches Maskulinum."

      wenn die menschen das maskulimun generisch verwenden und verstehen, dann gibt es ein generisches maskulunum. die sprache gehört nämlich nicht anatol stefanowitsch et.al., sondern denen, die sie sprechen.

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    3. Aber diejenigen, die sie sprechen, veraendern die Grammatik ja nicht? Grammatikalisch und sprachwissenschaftlich ist es nicht möglich, Maenner und Frauen unter "Maenner" zusammenzufassen. Man mag es generisch verwenden, das heißt jedoch nicht, dass es richtig ist und/oder dass die Angesprochenen sich (diskriminierungsfrei) angesprochen fühlen.

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    4. Du hast in deinem anderen Artikel über das generische Maskulinum geschrieben, dass du keine Sprachwissenschaftlerin bist. Ich auch nicht, aber ich studiere Germanistik (jaja, nur auf Lehramt ^^). Was ich dort gelernt habe, vor allem in Bezug auf Sprachwandel, hat in mir einfach die Gewissheit geweckt, dass feministische Vorstöße in den Bereich geschlechtersensible Sprache zum Scheitern verurteilt sind. Die Sprache ist ein gewachsen Ding und geht meist den Weg des geringsten Widerstandes, den sie sich selbst sucht (dazu: http://de.wikipedia.org/wiki/Unsichtbare_Hand).

      Dazu kommt die begrenzte Nutzbarkeit von Varianten wie _, * oder Binnen-I. Das sind Alternativen aus dem Netz und sind auch nur dort verwendbar. Nichts davon lässt sich verbal ausdrücken und auch mit Schreibschrift, also ganz altmodisch mit Füller und Papier, lässt sich davon nichts darstellen.

      Und das ist ja nur die Spitze des Eisberges. Warum heißt es DIE Sonne, aber DER Mond (vor allem, weil das in den romanischen Sprachen genau andersrum ist)? Warum überhaupt diese kategorisierenden Artikel, die Dingen ein Geschlecht zuordnen, das sie ganz offensichtlich nicht haben?

      Ich bin also auch als Feministin der Meinung, dass dies ein verlorener Kampf ist, der zudem sehr unpopulär ist. Daher halte ich den Kampf gegen das generische Maskulinum sogar für schädlich für den Feminismus, weil er den Blick weglenkt von konkreten Missständen und die Akzeptanz der Bevölkerung sowie neuen Interessentinnen für den Feminismus blockiert.
      Die gesamte Sprache versuchen zu ändern wirkt einfach radikaler, als viele Menschen sein wollen.

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  2. Eine ganz normale Frage vermag so eine heftige Reaktion zu evozieren.

    Das beweist vor allem eines: es war an diesem Ort, zu dieser Zeit eine relevante Frage, über die kein Konsens bestand!

    Vor allem eine Diskursfigur finde immer wieder so absurd und aggressiv: Es wird gesagt: "Mich stört das nicht!" Aber eben nicht als Selbstauskunft. Sondern (offenbar) als Schweigeaufforderung. Anstatt also zu sagen: "Ich möchte, dass hier möglichst alle Beteiligten ohne inneren Konflikt sein können." Wird gesagt: "Wenn ich hier kein Problem habe, darfst/solltest du hier auch kein Problem haben!"

    Das heißt dann übersetzt: Ich bin die Norm - du weichst ab. Und Gleichzeitig: mein Bedürfnis ist wichtig/richtig - deins ist egal/falsch/stört.

    Und damit sind wir bei einer Form von Kommunikation, die nicht mehr symmetrisch und respektvoll ist, genau wie du es richtig beschreibst.

    Ich kann deine Wut gut verstehen! Und ich finde, sie ist total berechtigt.

    Lieber Gruß
    Hagen

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