Donnerstag, 14. März 2013

"Wir feiern, dass Orbán nicht da ist."

Heute war für mich sehr, sehr befremdlich. Aber ich bin mit der Devise hergekommen, für alles Neue offen zu sein, deswegen habe ich mich heute auf alles eingelassen und lieber zehn Mal gefragt, anstatt es von Grund auf abzulehnen.
Heute waren alle Kinder in der Schule schick angezogen: Schwarze Hose und weißes Hemd oder schwarzer Rock und weiße Bluse. Zusätzlich hatten sie sich Schleifchen in den Nationalfarben ans Hemd/an die Bluse gesteckt. Alle waren aufgeregt, denn morgen, am 15. März ist hier einer der größten Feiertage. Der Nationalfeiertag, an dem der Beginn der Revolution 1848 gefeiert wird. 
Deshalb ging der Unterricht heute auch nur bis 12 Uhr, danach fanden noch einige Feierlichkeiten in der Schule statt. Morgen ist kein Unterricht und alle Geschäfte werden geschlossen sein. Stattdessen gehen alle runter nach Budapest zu den großen Feiern, wo sich auch die Fidesz und die Jobbik profilieren. 
Generell finde ich den Umgang zwischen Lehrer_in und Schüler_innen teils sehr befremdlich. Vor jeder Stunde muss ein_e Schüler_in nach vorne kommen, ruft "Stillgestanden!", dann springen alle auf und stellen sich gerade hin. Und dann fragt der_die Lehrer_in "Hast Du etwas zu melden?" und der_die Schüler_in antwortet, ob jemand fehlt. Das ist etwas, was ich während meiner Schulzeit nicht erlebt habe. Es ist zwar nur etwas Kleines, Alltägliches, sagt aber für mich viel über Mentalität und hierarchisches Denken aus. 

Natürlich wurde heute auch viel über den Feiertag morgen gesprochen. Er hat hier für alle Menschen eine große Bedeutung. Da es meine Aufgabe ist, mit den Schüler_innen zu sprechen, damit sie lernen, sich auf deutsch zu unterhalten, habe ich öfter gefragt, was sie morgen eigentlich feiern. So wurde es für mich heute das Hauptthema. Ich muss tatsächlich zugeben, dass ich nicht viel über die ältere osteuropäische Geschichte weiß. Deshalb fragte ich auch eine Lehrerin, die sehr gut deutsch spricht, noch einmal nach diesem Feiertag. Wir waren zu der Zeit im Lehrer_innenzimmer. Während sie erzählte, dass die Revolution von 1848 gefeiert wird, kam eine andere Lehrerin herein und sagte:
"Ich habe eine Überraschung für euch. Viktor Orbán wird morgen in Brüssel sein."
Daraufhin haben alle gelacht und geklatscht und die Lehrerin, mit der ich mich unterhalten hatte, sagte: "Wir feiern morgen, dass Orbán nicht da ist!"

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich das einordnen soll. Ich freue mich, weil es scheinbar wirklich viele, viele Menschen gibt, die überhaupt nicht zufrieden sind mit Orbán. Aber für mich wirken alle, mit denen ich rede, sehr desillusioniert. Als könnte man nichts mehr ändern. Es ist nichts zu spüren von Aufbruch, schließlich sind doch im Mai 2014 Wahlen! Sie sprechen über Orbán, schütteln den Kopf und wenden sich dann lieber anderen Themen zu.

Und morgen ist dann der Nationalfeiertag. Ich fahre runter auf den Heldenplatz und werde mir das mal anschauen (auch ohne Viktor Orbán). 
Ich glaube, man kann eine treffende Unterscheidung zwischen dem Patriotismus und Nationalismus hier machen. Alle Ungar_innen hier feiern diesen Tag. Sie singen die Nationalhymne, weil sie sich diesem Land verbunden fühlen. Auf der anderen Seite steht die Jobbik, die sich morgen auch präsentieren wird. Sie singen nicht die Nationalhymne, sondern ein transsylvanisches Klagelied. Ich habe mir dieses Lied angesehen, weil ich wissen wollte, worum es geht. Es geht um den Schmerz, Großungarn verloren zu haben. Das ist harter Nationalismus. 
Es geht nicht darum, dass ich Patriotismus auf einmal toll finde und Patriotismus und Nationalismus wirklich voneinander trennen möchte. Es geht mir darum, dass ich verstehen möchte, wie das alles hier funktioniert. Wie die Fidesz und die Jobbik so ein hohes Ansehen genießen können. Ich versuche zu verstehen. Ich versuche, diesen Feiertag zu begreifen, denn ich komme aus einem anderen Land mit einer anderen politischen Situation und brauche Zeit, die Vorgänge hier zu begreifen.



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