Dienstag, 15. Januar 2013

Alltag heißt rape culture.

Es ist schon irgendwie paradox.
Auf der einen Seite steht das Unwort des Jahres: Opfer-Abo. Gute Wahl. Das Wort hat Jörg Kachelmann geprägt. Lange Zeit nach seinem Freispruch gab er ein Interview und sprach davon, dass Frauen immer Opfer seien und diese Opferrolle nicht hinterfragt würde, selbst wenn sie zu Täterinnen (Falschbeschuldigung aus Rache) würden. Frauen hätten ein Opfer-Abo. Damit stellt er jede Beschuldigung der Vergewaltigung in Frage.
Ich habe mich wirklich gefreut, dass “Opfer-Abo” das Unwort des Jahres geworden ist, denn es ist nur konsequent. Mit der Benennung bezieht die Jury klar Stellung gegen irgendwelche Mythen von Frauen, die aus Rache Männer beschuldigen und gegen das generelle Hinterfragen von Vergewaltigungsvorwürfen. Es ist rape culture, wenn Kachelmann so etwas behaupten kann, wenn so eine Behauptung irgendeinen Konsens findet und Vergewaltigungsvorwürfe derart relativiert werden. Rape culture, und einige Menschen in Deutschland, die in der Öffentlichkeit stehen - nämlich die Jury - haben es begriffen.
Aber dann steht auf der anderen Seite die grausame Vergewaltigung in Indien. Auch das hat eine aufgewühlte Debatte mit sich gebracht - und das ist gut so! Aber in dieser Debatte schwingt etwas mit, was da überhaupt nicht hingehört: Nämlich die Betonung, dass es ja in Indien passiert sei. Indien, dieses Land mit dem Kastensystem, das 10.000 Kilometer von uns entfernt ist. Das Land, das wir kaum kennen und in dem eh alles anders ist.
In diese Debatte gehört viel mehr, dass wir den Umgang mit Vergewaltigungen, sexualisierter Gewalt und dem Vorwurf/der Beschuldigung auch in Bezug auf uns selbst diskutieren.

Jetzt könnte man fragen: Wie gehören das Unwort des Jahres und die Vergewaltigung in Indien zusammen?
Ich stelle eine Gegenfrage: Wieso schaffen wir es nicht, die Debatte miteinander zu verbinden?


Bei Kachelmanns Äußerungen haben wir es geschafft, dass es diskutiert und als rape culture verstanden wurde. Trotzdem hat man ihm Raum gegeben, so etwas vor einem großen Publikum zu sagen, ein Buch zu veröffentlichen und sich als das Opfer der bösen Justiz darzustellen.

Aber die Vergewaltigung wird mit einer solchen Distanz diskutiert, dass man das Gefühl haben könnte, dass bei uns so etwas nie passieren könne. Ich kann die Artikel über diese grausame Vergewaltigung nicht mehr lesen, ich kann nur noch schreien, weinen, ich kann das nicht aushalten. Gewalt gegen Frauen ist verdammt noch mal kein Problem, das nur in Indien und in anderen entfernten Ländern vorkommt. Es ist Alltag. Hier. In Delhi. Überall. Alles, was dort nun diskutiert wird, muss hier doch genau so diskutiert werden.


Wir können rape culture nicht so diskutieren, als hätten wir nichts damit zu tun. Ich kann nicht morgens vor dem Spiegel stehen und mich fragen, ob mein Ausschnitt zu tief ist und dann beim Frühstück die Zeitung aufschlagen und lesen, dass in Indien tausende Menschen gegen den Staat, die Justiz und die Umstände, die diese Vergewaltigung möglich gemacht haben, demonstrieren. Ich will, dass das bei uns auch passiert.

Wenn ich hier dazu aufrufen würde, dann stände ich bei einer Demonstration mit meinen üblichen feministischen Mitstreiter_innen da. Ich brauche keinen konkreten Fall. Es muss niemand sterben, muss niemand vergewaltigt  werden. Ich brauche keinen Kachelmann, kein Spiegel-Interview und kein Kachelmann-Buch, um wütend zu sein. Sexualisierte Gewalt ist alltäglich. Das muss doch als Grund reichen!


Rape culture ist mein verdammter Alltag. Eine Diskussion über das Wort “Opfer-Abo” ist nur ein Anfang. Es geht nicht nur darum, dass Kachelmann so etwas sagen kann und darum, dass das auch noch veröffentlicht wird.
Es geht auch darum, dass ich mich manchmal abends nicht traue, alleine einen dunklen Weg lang zu gehen.

Es geht um rape culture. Und es macht mich unglaublich wütend, dass das nicht gesehen wird. Es macht mich wütend, dass wir über das so weit entfernte Indien reden, das ganz anders ist als Deutschland. Es macht mich wütend, dass ich dann oft alleine da stehe und es macht mich verdammt noch mal wütend, wenn dann jemand sagt “Oh Mensch, was da in Indien los ist...” während hier so viele Frauen unter Gewalt leiden, so viele Frauen als Lügnerinnen bezeichnet werden und wir von unserer ach so westlich zivilisierten Welt begeistert sind, in der alles anders ist.
Ist es eben nicht.


Kommentare:

  1. Ich stimmte in vielen Punkten überein, dennoch,
    einen Vergleich oder Bezug zu Indien herzustellen finde ich in manchen Punkten problematisch.
    Warum?
    Ganz einfach.
    Weil Frauen in Indien garkeine Rechte haben. Frauen in Deutschland schon. In Indien ist es nicht nur so, dass Frauen keine Rechte haben, es ist viel mehr so, dass sie nichts Wert sind.
    Dieses Extrem ist hier nicht vorhanden und deswegen finde ich gut das wir über Indien Sprechen & die Frauen dort demonstrieren. Allerdings sind hier diese Vergewaltigungen nicht..."so extrem" wie dort und ich denke, dass daher in Deutschland viele Frauen deswegen nicht auf die Straße gehen. Es ist ein schlimmes Thema und keine Frau hat es verdient bzw. sollte vergewaltigt werden und ich würde mich auch freuen wenn ich nachts ohne Bedenken durch die Straßen gehen könnte. Aber das geht nunmal nicht und ich glaube auch nicht, dass das mit Demos etc. beseitigt werden könnte. Und von einer rape culture in Deutschland zu sprechen...finde ich ehrlich übertrieben.

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    1. Solche Kommentare sind der Grund, warum ich darüber schreibe. Sie relativieren. Gewalt gegen Frauen ist scheiße, egal, in welchem System und in welcher Gesellschaft sie passiert. Fertig. Und das ist der Grund, warum man das vergleichen kann.
      Vergewaltigungen sind hier nicht "so extrem"? Hallo? Willst Du ernsthaft erzählen, dass es schlimme und nicht so schlimme Vergewaltigungen gibt?
      Natürlich hat es keine Frau verdient! Was ist denn das für eine Aussage bitte. Das, was Du hier schreibst, ist rape culture. Du relativierst sexualisierte Gewalt. Natürlich kann man nichts durch Demos direkt verändern, aber man kann Aufmerksamkeit bekommen. Das ist doch momentan das wichtigste.

      Und das schlimmste an deinem Kommentar ist: Aber das geht nunmmal nicht. Ah - also sollte man lieber gar nicht erst kämpfen?

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    2. Natürlich ist Gewalt gegen Frauen scheiße. Gewalt gegen jeden ist scheiße. Stimmt, fertig.
      Mit nicht extrem meinte ich, dass es hier nicht in so großen Ausmaß vorkommt wie in Indien. Es gibt nur schlimme Vergewaltigungen, was anderes würde ich nie behaupten und was anderes ist auch nicht vorhanden. Fertig.
      Und was ich schreibe hat nichts mit rape culture zu tun. Ja anscheinend relativiere ich sexualisierte Gewalt aber ich sage nicht dass man nicht kämpfen sollte, ich sage nur das es eine Grenze gibt die man erreichen kann und erreichen sollte und Deutschland da um einiges näher dran ist als Indien. Und man sollte dafür Kämpfen das diese erreicht wird. Es gibt kein Optimum bei so etwas. Das wollte ich damit nur Ausdrücken. Ein Deutschland wo es keine Sexualstraftaten mehr gibt,ist irreal. Fertig. Das wird es nie geben können. Das meinte ich lediglich.
      Ich kämpfe, ich kämpfe gegen Aussnutzung und Ausbeutung anderer Länder/Kulturen unserer Seite, denen es bei weiten schlechter geht als uns. Ich hasse Ungerechtigkeit und Oberflächlichkeit, was dir anhand meines Kommentars vlt anders vorkommt. Aber warum ich das Thema relativiere ist (auch wenn du da 100% anderer Meinung bist, was ich gut finde), dass es zur Zeit in Deutschland schlimmere und bedeutendere Probleme gibt. Klar ist das schlimm! Klar muss man darüber Sprechen und ich finde gut das du es tust, allerdings wollte ich nur auch anmerken, warum es evtl an mangelnder Aktion gegen sexual Straftaten in Deutschland gibt.

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    3. "Mit nicht extrem meinte ich, dass es hier nicht in so großen Ausmaß vorkommt wie in Indien." 1.eventuell weil Indien eine größere Bevölkerung hat und 2. ist die dunkelziffer in Deutschland erheblich. ich spreche aus Erfahrung. Das Problem mit unangezeigten Vergewaltigungen, die nicht in die Statistik aufgenommen werden, ist schon immer dagewesen, weil sich niemand kümmert. Und dann zu sagen, dass es ja keinen großen Prozentsatz an Vergewaltigungen gibt und man demnach nichts dagegen tun müsste, weil es (zitat ) "zur Zeit in Deutschland schlimmere und bedeutendere Probleme gibt" ist ein Trugschluss und nebenbei eine beleidigung jeder Frau, der soetwas passiert ist.
      "Und was ich schreibe hat nichts mit rape culture zu tun." -"Ja anscheinend relativiere ich sexualisierte Gewalt"... genau das ist rape culture.

      "Es gibt kein Optimum bei so etwas. Das wollte ich damit nur Ausdrücken. Ein Deutschland wo es keine Sexualstraftaten mehr gibt,ist irreal. Fertig. Das wird es nie geben können. Das meinte ich lediglich."
      Ich kotz im Strahl. aber ..stimmt, also können wir alle die Füße auf den Tisch legen, wir schaffens ja eh nicht.

      "Ich kämpfe, ich kämpfe gegen Aussnutzung und Ausbeutung anderer Länder/Kulturen unserer Seite, denen es bei weiten schlechter geht als uns."
      Leider gibt es auch in unserem Staat Menschen, denen es extrem schlecht geht. Man sollte erstmal vor der eigenen Tür kehren bevor man andere anschwärzt, menschenverachtend und ungerecht zu sein.

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    4. Ich habe mich teilweise wohl missverständlich ausgedrückt oder ihr wollt mich nicht verstehen.
      Das jetzt weiter hier zu klären hat wohl keinen Sinn und euch "zum kotzen" zu bringen ist auch nicht meine Absicht.

      Ja es gibt viele Menschen denen es vor unserer Tür schlecht geht. Ja den sollte geholfen werden. Ich möchte nur auch darauf aufmerksam machen, dass wir viele Länder und deren Menschen und Kulturen ausbeuten,ausnutzen und zerstören. Das war in der Vergangenheit so und ist aktuell immer noch so. Und daran sind zu einem sehr großen Teil wir schuld. Uns geht es im großen und ganzen gut. Das sollte uns auch bewusst sein! und dass es uns so gut geht, ging und geht oft zum großen Teil auf kosten anderer. Das bringt mich zum kotzen.

      Publiziert eure rape culture und macht darauf aufmerksam. Finde ich gut, denn ihr habt Recht, es muss darüber geredet werden.
      Aber wir leben in einer globalisierten Welt, haben unsere Hände in vielen Geschehen die auch weit von "vor unserer eigenen Tür" die ich doch kehren solle im Spiel. Wir müssen in dieser Zeit nun einmal auch über die Türschwelle treten und können uns nicht nur auf unser kleines Häuschen beschränken.

      Diese Meinung wollte ich hier auch einmal klar machen. Aber hier treffen wohl zwei Fronten aufeinander die im Grundsatz vlt sogar oft das gleiche wollen, aber sich in sehr vielen Feinheiten dann doch sehr unterscheiden.
      Ich hoffe Merle du veröffentlichst das Kommentar auch noch, es ist immer mal interessant andere Ansichten zu lesen und dein Blog ist wirklich gut und interessant geschrieben, aber von nun an halte ich mich dann zurück mit Kommentieren, da es wohl doch weniger Sinn macht.

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    5. ich misch mich mal ganz kurz ein;)
      Ich glaube Anonym 1 meint, dass in Indien Frauen nicht nur öfters Vergewaltigt werden (was Zahlenmäßig bestimmt auch an der hohen Bevölkerungszahl liegt aber auch da wird es dunkel Ziffern geben). Aber in Indien ist eine Frau nichts wert. Werden in Deutschland weibliche Babys umgebracht weil es zu viele Frauen gibt, die sie dann nicht verheiraten können und so der Familie nur auf der Tasche lägen? Mädchen, weibliche Babys, Frauen werden ermordet, weil sie nichts wert sind.Eine Frau kriegt ein Baby, muss festellen das es ein Mädchen ist und bringt es um oder lässt es umbringen. Klar ist vergewaltigung, vergelwaltigung, egal in welchen Land. Aber die Gesamtsituation der Frauen in Indien ist doch erheblich schlechter als in Deutschland würde ich meinen ;)

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  2. "Opfer-Abo"... Dazu fällt mir echt nichts mehr ein. Das ist ja echt unglaublich...

    Bei der Sache in Indien kam ja auch wieder jemand und meinte, sie hätte nur "in Gottes Namen um Gnade bitten sollen", dann hätte man sie verschont. Deswegen sei sie ein bisschen selbst schuld. So ein Unsinn! Man kann an seiner Vergewaltigung nicht selbst schuld sein! Irgendjemand hat das noch mal abgeschwächt und meinte, der Typ hätte ja nur gesagt, dass sie 0,1% Mitschuld hat, weil sie in den Bus gestiegen ist.
    Aha.
    Steigt nicht mehr in den Bus.
    Ihr könntet vergewaltigt werden und dann seid ihr selbst schuld. Zumindest ein bisschen.

    Das macht mich unglaublich wütend.

    Hier ist übrigens noch mal ein dazu passender Artikel, der sich sogar auf ein paar Artikel hier bezieht: http://www.sexintheair.de/schattenseiten/von-mitschuld-bei-vergewaltigung-und-diet-rape/

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  3. Zur Rape Culture gehört generell , dass die Vergewaltiger ihre Taten leugnen und/oder dem Opfer eine Mitschuld geben. Vergewaltigung ist Vergewaltigung, ob sie in Indien oder in Deutschland stattfindet. Sie geschehen aus Hass auf weibl. Menschen, Macht, Kontrolle, Unterdrückung und Herrschaft. Daher ist es auch wichtig, das Wort `Opfer-Abo` zu enttarnen, egal, wer es in die Welt gesetzt hat. Mal ist es die `unangebrachte` Bekleidung, mal sind es andere fadenscheinige Gründe, die angeführt werden, warum Frauen angeblich Männer zu sexualisierten Gewalttaten herausfordern. Es sind die Männer, die ihr Verhalten ändern müssen. Aber die Egomanen suchen die Schuld bei Frauen !

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  4. "Rape Culture (Vergewaltigungskultur) bezeichnet Gesellschaftsformen, in denen sexuelle Gewalt und Vergewaltigung verbreitet sind und weitgehend toleriert oder geduldet werden.[1][2][3] Damit einher gehen die Verharmlosung der Tat, die Beschuldigung der Opfer und die Herabsetzung Betroffener oder potentieller Opfer zu Sexualobjekten."

    Denk mal drüber nach.

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