Sonntag, 30. Dezember 2012

“Denn wer das Schlimmste nicht erlebt hat, kann das Schönste auch nicht erkennen.” - 2012


Ich habe mich entschieden, einen feministischen Jahresrückblick für 2012 zu schreiben. Eigentlich habe ich mir das nicht schwer vorgestellt, ich dachte, ich sammel ein paar Ereignisse und schreibe ein paar Sätze dazu. Nun sitze ich vor einer endlosen Liste, bekomme viele Nachrichten mit Ereignissen, die unbedingt noch erwähnt werden müssen und weiß gar nicht richtig wo ich anfangen soll. Ich habe jetzt nur die Dinge ausgewählt, die für mich selbst als Feministin eine Bedeutung hatten. Ich weiß natürlich auch, dass schon viele viele Rückblicke geschrieben wurden und dass sich jetzt vieles wiederholt. Der Einfachheit halber schreibe ich für jeden Monat etwas.


Januar - Über den Haufen werfen ist nicht genug.
Ein neues Jahr. Das bedeutet für mich immer, Vorsätze zu haben und jedes Mal auf’s Neue überzeugt zu sein, dass im neuen Jahr alles anders wird. Alles soll sich in dieser 
einen einzigen Nacht von Grund auf ändern. So war es für mich auch in den letzten Stunden letztes Jahr, als ich mir eine Liste geschrieben habe. Aber spätestens nach zwei Wochen wirft man dann doch alles über den Haufen. Das hab ich auch gemacht. Im Januar 2012. Aber nein, ich habe das mit Absicht getan. Ich habe eine Entscheidung getroffen. Ich will nicht mehr, dass ich nur in einer einzigen Nacht im Jahr mein Leben ändern kann (was ja doch nie passiert), sondern ich will das jede Nacht oder jeden Tag können. Dafür brauche ich kein Neujahr. Ich habe alle meine Vorsätze über den Haufen geworfen und mich nur zwei Vorsätzen verpflichtet: Keine Vorsätze mehr! Und nie wieder hungern. Nie wieder.


Im Januar wurde ich außerdem in den Vorstand meiner Jugendorganisation gewählt, unter anderem auch mit Feminismus als Schwerpunkt. Wir hatten in dem Jahr davor erhebliche Probleme damit, Frauen für den Vorstand zu mobilisieren. Nun sind wir endlich quotiert.
Februar - Gewalt und Lügen.
Im Februar wurde Jörg Kachelmann freigesprochen. Nach einem langen, nahe gehenden Prozess. Der Vergewaltigungsvorwurf ging durch sämtliche Medien, alle Beteiligten – Kachelmann selbst, die Klägerin und diverse Zeug_innen - wurden analysiert, kontrolliert und wurden mehr oder weniger freiwillig in die Öffentlichkeit gezogen. Jedenfalls wurde Kachelmann freigesprochen.
In der nachfolgenden Berichterstattung wurde
die Frau als Lügnerin dargestellt. Lügnerin. Sie sollte sich die Vergewaltigung nur ausgedacht haben, vielleicht als Racheakt. Ich mag gar nicht daran denken, welches Ausmaß das für Frauen hat, die damit hadern, ihren Vergewaltiger anzuzeigen. Das ist ein Kraftakt. Und dann, wenn die Beweise nicht reichen, als Lügnerin dargestellt zu werden, das ist zu viel. Eigentlich sollte eine Vergewaltigung bzw. der Vorwurf der Vergewaltigung so ernst genommen werden, dass Medien bis zum Urteil nicht berichten dürfen. Stattdessen dient sie der Unterhaltung der Massen, wird auf ein “Sexskandal” reduziert und der Erniedrigung aller Betroffenen. Ein Gewaltakt ist keine Unterhaltung, sondern zerstört Leben. Deshalb war der Februar zum Kotzen.



März - Pussy Riot, Wirtschaft/Politik-Abi und die Quote


Im März wurden Nadeschda Tolokonnikowa, Jekaterina Samuzewitsch und Marija Aljochina nach ihrem Auftritt in der Christ-Erlöser-Kathedrale verhaftet. Pussy Riot sind für mich der Inbegriff von Mut und ich bewundere ihren Kampf sehr. Sie stehen für eine profeministische Bewegung gegen Patriarchat, Sexismus und überholte Geschlechterrollen. Sie haben mein gesamtes Jahr bewegt und der Gedanke an ihr Leid hat mich mehrfach aus der Bahn geworfen.
Im März habe ich auch meine Wirtschaft/Politik-Ausarbeitung fürs Abi abgegeben. Es war eine 30-seitige Ausarbeitung zum Thema “Die Möglichkeit und Notwendigkeit einer Frauenbewegung heute”. Vieles würde ich so nicht mehr schreiben, vieles wäre wahrscheinlich mittlerweile fundierter und anders gewichtet. Ich habe an der Ausarbeitung etwa sieben Monate lang gearbeitet. Ich habe Olympe de Gouges, Louise Otto-Peters, Clara Zetkin, Rosa Luxemburg, Simone de Beauvoir, Marilyn French, Betty Friedan, August Bebel, John Stuart Mill und viele, viele andere gelesen. Das war die Zeit, in der ich wirklich verstanden habe, was Feminismus historisch meint, deshalb war es wichtig für mich.
Außerdem hat sich die EU-Justizkommissarin Viviane Reding im März deutlich für eine feste Quote ausgesprochen. Ja, wir sind mit der Geduld wirklich am Ende. Wir lassen uns nicht länger hinhalten. Reding sagte, sie sei kein Fan der Quote, aber sie möge die Ergebnisse einer festen Quote. Ja, wir brauchen die Ergebnisse. Selbstverpflichtung scheint nichts zu bringen. Ich bin die Diskussionen um “unqualifizierte Frauen” leid, ich habe keine Lust mehr, mir sagen zu müssen, dass Frauen sich dann halt nicht genug anstrengen und einfach nicht für Vorstände gemacht seien.

April - Von Ministerinnen, die wir nicht wollen.
Die Familien- und Frauenministerin heißt übrigens Kristina Schröder. Nur für die, die sich fragen, ob wir sowas überhaupt haben. Ja, diese Ministerin soll es geben, nur leider macht sie ihren Job nicht. Stattdessen legt sie uns immer mehr Steine in den Weg. Herdprämie, Extremismusklausel, Flexiquote. Im April startete schließlich eine super Aktion:
wurde von mehr als 24.800 Menschen online unterzeichnet. Kristina Schröder sollte endlich Platz für eine machen, die unsere Interessen wirklich vertritt. Aber nicht alles ist negativ. Kristina Schröder hat es auch geschafft, uns zu mobilisieren. Uns, die wir aus unterschiedlichen Milieus kommen und unterschiedliche Formen von Feminismus vertreten. Aber nun fordern wir geschlossen ihren Rücktritt. Sie hat uns vereint.

Mai - Freiheit?
Im Mai habe ich mein Abi gemacht. Das bedeutete für mich aber nicht nur das Ende meiner Schulzeit. Nicht nur Freiheit nach 12 Jahren. Es war für mich auch die Freiheit vom Abnehmwahn. Selbstbestimmt mit meinem Körper umzugehen. Während wir alle dem Ende entgegenfieberten und uns irgendwie auch auf den Abiball freuten, beschlossen viele, im Ballkleid besonders schön zu sein. Auf einmal drehten sich viele Gespräche um Kleider und Diäten, um Abnehmerfolge und Besuche in der Änderungsschneiderei. Mir wurde erst da so richtig bewusst, dass ich das alles nicht will. Nie wieder. Ich wollte nicht für den einen Abend abnehmen, um besonders schön zu sein, besonders schlank zu sein. Ich will nie wieder hungern. Das habe ich mir geschworen. Der Abnehmwahn hat mich verstört. So will ich nicht sein. Ich will das nicht mehr hören, will nicht mehr sehen, wie Kleider enger werden und Menschen hinter ihrem Äußeren verschwinden. Ich will, dass wir uns gegenseitig sagen, wie schön wir sind. Wie können wir uns über unsere Freiheit freuen, wenn wir uns gleich dem nächsten Zwang unterwerfen?
Im Mai wurde Kachelmann nun auch endgültig freigesprochen. Nachdem zunächst Revision gegen das Urteil  vom März eingelegt wurde, war das Urteil im Mai entgültig besiegelt.




Juni - Veränderung bringt Unverständnis. Abstand gewinnen.

Im Juni war so vieles anders. Ich habe mich verändert, ich habe mein Äußeres verändert. Um Abstand von so vielem, was mich belastet hat, zu gewinnen, habe ich mir die Haare abrasiert. Ich weiß nicht genau, was ich damit erreichen wollte. Vielleicht Unverständnis, damit die Menschen von sich aus nicht auf mich zukommen. Es war paradox. Natürlich hat es niemand verstanden (“Die schönen Haare!”). Aber ich habe das Gegenteil damit erzeugt. Ich wurde ständig angefasst, Fremde wollten meine Haare anfassen. Ich habe Abstand gesucht und habe stattdessen das Gegenteil bekommen. Seitdem frage ich mich: Was muss passieren, damit man einander mit Respekt begegnet, Grenzen beachtet und wenn das alles nicht geht - mich einfach in Ruhe lässt? Ich will nicht länger Mauern bauen und mich verstecken.

Juli - 1000 Kreuze und die Festival/Sexismus-Saison
Deutsche Bahn, was machst Du nur? Ich habe mich schon oft über die DB geärgert, aus unterschiedlichsten Gründen. Aber so fassungslos war ich über das Handeln dann doch noch nie: Im Juli fand die alljährliche 1000 Kreuze-Demonstration (oder auch “Marsch für das Leben”) statt, bei der konservative, christliche Fundamentalist_innen für ein absolutes Abtreibungsverbot demonstrieren. Das an sich ist schon schlimm genug. Dass das aber von der Bahn supportet wurde, indem sie ein besonderes Ticket (99 Euro) für die Teilnehmer_innen anboten, ist schlichtweg nicht zu begreifen. In ihrer Stellungnahme beriefen sie sich darauf, solche Angebote auch anderen Organisationen schon gemacht zu haben. Beispielhaft wurde amnesty international genannt, denen allerdings so etwas nicht bekannt war. Was mich mindestens genau so zum Kotzen bringt, sind die Kommentare unter dem dazugehörigen taz-Artikel: Abtreibung wird mit Euthanasie verglichen.
Der Juli liegt auch mitten in der Festival-Saison. Unabhängig davon, wie gut das Hurricane und andere Festivals waren - sie zeigen mir auch immer wieder, wie Sexismus zum Spaß für junge Menschen wird, wie lustig es auf einmal ist, Menschen zu erniedrigen. Ich bin den Menschen, mit denen ich Festivals erleben durfte, dankbar dafür, dass sie oft so reflektiert reagiert haben. Ich bin denen dankbar, bei denen ich mich über “Brustvergrößerung durch Handauflegen”-Schilder auskotzen konnte. Es hat mir auch gezeigt, dass auch der Ort, an dem Menschen mit einem ähnlichen Musikgeschmack sind und an dem Musik gespielt wird, die ich mag und bei der ich mich wohl fühle, auch kein Schutzraum ist. Wir müssen weiter nach Schutzräumen suchen. Immer wieder nach Neuen, weil sie uns so schnell genommen werden.

August - Am Rande der Verzweiflung oder schon drüber hinaus.
17.08. Rowdytum aus religiösem Hass. Arbeitslager. Das war das Urteil für die drei Aktivistinnen von Pussy Riot. Der Gedanke dreht einer_einem den Magen um. In solchen Momenten fühlt man sich hilflos. Alles, was wir uns ausgedacht haben, was wir versucht haben, für sie zu tun, war scheinbar umsonst. Man würde ihnen so gern etwas von ihrem Leid abnehmen. Aber vielleicht müssen wir das nun als Ansporn nehmen und uns weiterhin solidarisch zeigen. Pussy Riot geben uns Kraft, sie haben Großes bewirkt und jetzt müssen wir weitermachen.
Im August wurden außerdem die Ermittlungen gegen Dominique Strauss-Kahn eingestellt. Die Frau, die ihm vorwarf, sie vergewaltigt zu haben, sprach plötzlich von einvernehmlichem Sex. Wir können nicht wissen, was wirklich passiert ist. Die Ermittlungen wurden eingestellt, weil keine Anzeige mehr gegen ihn vorlag. Wie kann es sein, dass der Vorwurf der Vergewaltigung so schnell vom Tisch war? Das hat mich wirklich wütend gemacht. Im Normalfall wäre das nicht möglich gewesen.
Was mich aber noch viel mehr traf, war - wie schon beim Prozess gegen Kachelmann - die Berichterstattung. Nein, Strauss-Kahn wurde nie als Vergewaltiger bezeichnet. Es war auch nicht der Vorwurf der Vergewaltigung, der die Medien erschütterte. Es war vielmehr das Ruchbar-werden seiner “Sexparties”. Mit keinem Wort wurde erwähnt, dass es sich um einen Gewaltakt handelt, der das Leben eines Menschen zerstört, es ging immer nur um den Skandal um eine in der Öffentlichkeit stehende Person. Mehr war es nicht. Vielleicht wollen viele Menschen nichts damit zu tun haben, sie wollen Gewalttaten gegenüber Frauen nicht an sich heran lassen. Aber über einen Skandal, ja, darüber kann man gut reden.

September - Gebloggt.
Im September habe ich meinen ersten Blogeintrag geschrieben. Ich habe mich über Heteronormativität ausgekotzt und ein persönliches Erlebnis verarbeitet. Ich kann noch gar nicht glauben, dass das jetzt schon fast vier Monate her ist - es kommt mir nicht so lang vor. Aber ich habe so viele liebe Rückmeldungen bekommen, dass ich weitergemacht habe. Zum Glück. Dadurch hat sich vieles für mich verändert. Menschen, die erst meine Texte lesen und mich dann treffen, gehen anders mit mir um. Vielleicht vorsichtiger. Auf den Text folgten viele andere, viele Gespräche, Bekanntschaften, Diskussionen und Gedanken. Dafür bin ich dankbar und das hat mir der September gebracht.
Und während ich meine ersten Artikel geschrieben habe, hat die Mädchenmannschaft ihren fünften Geburtstag gefeiert. Der Blog hat meine Ansichten enorm geprägt und tut das immer noch. Das Lesen hat mich sensibilisiert. Umso mehr ärgert es mich zunehmend, wie über die Mädchenmannschaft geschrieben und gesprochen wird. Dass sie sich nicht mehr auf das Wesentliche konzentrieren und sich in ihren Theorien verstricken. Natürlich sind einfache Erklärungen und Ansätze immer schick. Leicht zu erklären und zu begreifen. Aber wie soll man in einer Welt, die immer komplizierter bzw. abstrakter wird, noch einfache Erklärungen finden? Unterdrückungsstrukturen verstricken sich ineinander und können nicht mehr einzeln betrachtet werden. Ich finde den Weg richtig und glaube, dass wir uns, wenn wir uns und unser Umfeld emanzipieren wollen, auch über unsere eigene Lebensrealität hinaus denken müssen. Deshalb an dieser Stelle ein bisschen Glitzer an das Grrrls-Team, ihr seid wirklich großartig!
Oktober - Von tollen Menschen und Diskussionskultur und irgendwie auch von Brüsten.
Der Oktober fing großartig an. Nämlich mit dem Barcamp Frauen in Berlin. In vielen verschiedenen Sessions haben wir über ganz unterschiedliche Themen gesprochen. Ich habe mich beispielsweise in einer Session mit feministischen Pornos beschäftigt, in der nächsten über Schönheit gesprochen und in der letzten über Sprache und Feminismus. Es war aber nicht nur thematisch großartig, ich habe auch viele Menschen kennen gelernt, die ähnliche Ansichten haben wie ich, die sich auch Gedanken machen und die daran interessiert sind, Dinge gemeinsam weiterzudenken. 
Auf der Rückfahrt von Berlin nach Schleswig-Holstein habe ich dann einiges aufgeschrieben - unter anderem meinen Artikel über rape culture, der mit über 6000 Aufrufen mein meistgelesener und meistzitierter Eintrag geworden ist. Mir ist aufgefallen, dass so oft über rape culture (wie auch über andere Begriffe wie critical whiteness zum Beispiel) gesprochen wird, es aber nie wirklich ausführlich erklärt wurde, sondern die Kenntnis eine Voraussetzung zum Begreifen war. Das wollte ich ändern. Ich wollte einfach ein paar Grundlagen schaffen, auch, um mir selbst im Klaren darüber zu sein und Zusammenhänge für mich selbst zu ordnen.
Im Oktober hat Jörg Kachelmann sein Buch veröffentlicht, “Recht und Gerechtigkeit”. Er und seine Frau schreiben über die böse “gewohnheitsmäßig männerverurteilende Justiz”, über die Lügen und Verleumdungen. Es war nicht mehr zu verhindern. Jörg und Miriam Kachelmann sprechen nicht nur von der bösen Justiz, sondern von einer “Opferindustrie” und davon, ein Netzwerk zu gründen, um gegen falsche Beschuldigungen und “Täterinnen” vorzugehen. Sie vermitteln ernsthaft den Eindruck, dass es Normalität sei, dass Männer der Vergewaltigung beschuldigt werden, weil Frauen Täterinnen sind und ihnen nur Böses wollen. Wer das Interview noch einmal nachlesen will [Achtung, Trigger-Warnung: Enorme Relativierung von Vergewaltigungsvorwürfen], findet es hier.
Am 30. Januar 2013 wird der Kachelmann-Prozess nun in die nächste Runde gehen. Er fordert Schadensersatz. Die Diskussion wird uns also noch länger begleiten.



Im Oktober fand außerdem ein Verbandswochenende meiner Jugendorganisation, der Jusos Schleswig-Holstein statt. Dort habe ich eine Session zum Konsensprinzip organisiert, worüber ich wirklich lang nachgedacht habe. Ich wusste nicht, ob es der richtige Ort ist, da wir bisher eher wenig feministische Arbeit/Theorie gemacht haben. Allerdings wurde ich wirklich positiv überrascht. Es ist nicht selbstverständlich, diese Diskussion so offen zu führen und so viel daraus mitzunehmen, wie es alle Teilnehmer_innen getan haben, wenn man sich vorher noch nie in diesem Ausmaß damit beschäftigt hat.  Wir sollten einfach viel öfter Mut zu feministischen Diskussionen haben, auch wenn wir den Rahmen nicht einschätzen können.
#tits4humanrights. Die Aktion hat den Oktober auch mitbestimmt. Da sind Menschen, die für ein besseres Leben in der Kälte ausharren, von der Polizei mies behandelt werden und mitten in Berlin ein Lager aufgeschlagen haben und die Medien interessiert es nicht. Warum? Weil wir das Schicksal dieser Menschen ignorieren wollen? Einige bekannte (vor allem)  weibliche Mitglieder der Piratenpartei kündigten schließlich an, dort zu einer bestimmten Uhrzeit ihre Brüste zu zeigen. Zu keinem Zeitpunkt waren so viele Medien vor Ort. Nicht nur die Bild, sondern auch Spiegel, Zeit und viele weitere. Anstatt Fotos von Brüsten machen zu können, bekamen sie einen Spiegel vorgehalten: Keine der Aktivistinnen hatte vor, Brüste zu zeigen. Stattdessen bewiesen sie die Sensationsgeilheit der deutschen Presse ein weiteres Mal. Eine gute Aktion, unter der aber die Bemühungen der Aktivist_innen, die täglich warmes Wasser, Decken und Lebensmittel vorbeibrachten und die Menschen mit ihrer Anwesenheit unterstützten, nicht untergehen sollten.


November - Verletzlichkeit.
Im November war der Juso-Bundeskongress in Magdeburg. Wirklich wichtig war, dass wir hier nach einer kräftezehrenden (und sich im Vorfeld über Monate hinziehenden) Debatte beschlossen haben, die Queer-Debatte auch in unserem Verband zu führen. Das ist neu. Und das ist gut. Ich bin wirklich gespannt auf die kommenden Monate und was sich aus dem Beschluss nun entwickelt. Denn uns muss klar sein: “Realpolitik”, die die Situation von Frauen verbessert, schließt niemals aus, eine Queer-Perspektive zu entwickeln und im gleichen Maß zu vertreten! Denn auch dahinter stehen Menschen, verdammt noch mal!
Ich bin Mitglied der SPD. Und ich bin es eigentlich auch gern. Ich weiß genau so auch, dass es viele Feminist_innen in dieser Partei gibt. Umso schlimmer ist es dann, einen designierten (mittlerweile ja sogar gewählten) Kanzlerkandidaten zu haben, der mit Gleichstellung relativ wenig am Hut hat. Muss er ja auch nicht zwangsweise, er muss keine feministische Theorie kennen und kein Queerfeminist sein. Aber haben wir zu hohe Ansprüche, wenn wir ein 50/50-Schattenkabinett oder ein quotiertes Team fordern? Das ist doch völlig legitim! Da hat Peer ziemlich daneben gelangt und ich persönlich frage mich wirklich, wie er Wählerinnen für sich gewinnen kann, wenn er es noch nicht einmal in den eigenen Reihen schafft.
Eine enorme Rolle spielt für mich - nicht nur für den November, sondern wahrscheinlich auch noch für eine lange Zeit - eine Frau, die ich Ende November getroffen habe. Sie hatte mir vorher schon eine Nachricht geschrieben, dass sie mit mir über die sexualisierte Gewalt, die ihr als Kind angetan wurde, sprechen wolle. Daraufhin trafen wir uns in einem Café und haben uns sehr lange unterhalten. Über alles und über Konkretes. Über Gefühle und darüber, wie es sich anfühlt, mit dem Erlebten umzugehen und von so vielen Menschen für bestimmte Handlungen/Reaktionen mit Unverständnis behandelt zu werden. Darüber, zu keiner körperlichen Spontanität in der Lage zu sein und Jahre darauf zu verwenden, das Geschehene irgendwie zu verarbeiten. Das Gespräch haben wir schließlich gemeinsam aufgeschrieben, ihr könnt es auch nachlesen [Trigger-Warnung!]. Das war eine Erfahrung für uns beide, die wir wahrscheinlich so schnell nicht vergessen werden und die uns beide aus der Bahn geworfen hat. Wirklich aus der Bahn geworfen hat. Solche Erlebnisse, solche Gespräche, machen uns verletzlich. Uns, die wir Dinge erlebt haben, über die wir nicht sprechen können und wollen. Aber sie machen uns auch stärker. Verständnis und Menschen, die einer_einem zuhören sind wichtig. Ich versuche Menschen nicht mehr nach ihrem ersten Auftreten zu beurteilen bzw. zu verurteilen. Und ich wünsche mir, dass andere Menschen das auch nicht mehr tun.
Es gab auch die Aktion #ichhabenichtangezeigt. Die Posts zu lesen lohnt sich auf jeden Fall. Menschen, die sexualisierte Gewalt nicht angezeigt haben, schreiben dort anonym, wieso sie sich dagegen entschieden haben. Auch hier für gilt allerdings eine Trigger-Warnung!

Dezember - Ein Babybauch und so viele Kommentare zu viel.
Über Weihnachten ärger ich mich jetzt immer noch. Über die Kommentare von irgendwelchen Verwandten, die meinen, mein Äußeres irgendwie beurteilen zu müssen, die meine Zukunftsplanung in Frage stellen und sich den Rest des Jahres (ist nun mal so, wenn man mehrere hundert Kilometer zwischen sich hat und sich höchstens zwei Mal im Jahr sieht) kein bisschen mehr für mich interessieren. Spannend war, dass ich ja erst kurz vorher einen Artikel über Babybäuche und kurze Haare geschrieben habe und genau das noch einmal erleben durfte. Einer schwangeren Verwandten wurden von allen die besten Tipps gegeben, wie sie sich zu verhalten habe, wie die Geburt am besten abzulaufen habe, was sie wann tun müsse und was welches Symptom bedeute. Mir wurde gesagt, dass meine Haare ja richtig gut aussähen. Das haben sie mir mit so einer Inbrunst gesagt, als wäre ich vorher unglaublich hässlich gewesen, weswegen man sich jetzt so über die Veränderung freuen müsse. Es ist nicht so, dass ich alles unkommentiert hinnehme. Aber ich frage mich langsam wirklich, wozu ich mich äußern und was ich einfach ertragen muss. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es oft schlimmer ist, sich in rassistische/ sexistische/ stigmatisierende Diskussionen einzumischen. Oft wurden meine Äußerungen nur mit einem müden Lächeln und einem “Ach, Merle...” bedacht. Nach dem Motto: Du bist zu jung, du verstehst das noch nicht. Du lebst ja nur in deiner linken Traumwelt. Aber das ist nicht das Diskussionsniveau, auf das ich mich in meiner Familie herablassen will, wenn ich nicht als ernstzunehmende Gesprächspartnerin anerkannt werde.
Ich will mir von niemandem, der_die mich kaum kennt, sagen lassen, wie ich meine Zukunft zu gestalten habe, wann ich was machen muss, wen ich zu Familienfeiern mitzubringen habe (“Hast du jetzt langsam mal einen Freund?”) und ganz sicher von niemandem muss ich mein Auftreten, meinen Körper oder meine Kleidung kommentieren lassen. So einfach ist das.

Übermorgen.
Ja, übermorgen ist schon 2013. Verrückt, wie schnell das geht. Bevor ich diesen Text geschrieben habe, hätte ich nicht gedacht, dass es so viel wird. Aber es stimmt schon, 2012 war sehr bewegt. Das wird sich 2013 wohl auch nicht ändern, denn wir sind noch lange nicht fertig!
Ich habe Alice Schwarzer weggelassen, die in diesem Jahr auch mehrfach das Wort ergriffen (oder auch: an sich gerissen) hat, die mich manchmal in Erklärungsnot bringt, mich selbst und mein Verständnis von Feminismus in Worte zu fassen. Ich habe die zahlreichen Slutwalks weggelassen. Nicht, weil ich sie als nicht wichtig für den feministischen Diskurs erachte, sondern weil ich keine abgeschlossene Meinung dazu habe.
2012 bedeutete für mich so vieles, was nicht irgendeinem Monat zugeordnet werden kann. Dinge, die noch lange nicht abgeschlossen sind. Ich bin nicht fertig mit mir. Nicht als Feministin und nicht als Mensch.

Danke an dieser Stelle an euch, dass ihr diesen langen Text gelesen habt und dass ihr mich in den letzten vier Monaten durch Höhen und Tiefen begleitet habt.
Ich habe 2012 viele Menschen kennen gelernt, die jetzt einen wichtigen Teil meines Lebens darstellen und ohne die ich nicht mehr sein möchte. Wenn ihr noch Dinge habt, die unbedingt noch für 2012 aus feministischer Sicht genannt werden müssen, dann schreibt sie am Besten als Kommentare unter diesen Text.
Ab März lebe ich in Ungarn, sodass ich von dort bestimmt über einige Dinge bloggen werde, die ich so noch nicht kannte. Langsam bin ich wirklich gespannt auf dieses neue Jahr.

2013. Klingt doch eigentlich ganz gut, oder?

1 Kommentar:

  1. Das ist ein superschöner Jahresrückblick.
    Während ich einige Ereignisse intensiv verfolgt habe (Pussy Riot), kamen andere zu kurz (Kachelmann). Deswegen freut es mich umso mehr, hier noch einmal die Zusammenfassung der von mir nicht ganz so sehr in den Medien verfolgten Ereignisse zu lesen.
    Ein weiteres wichtiges Ereignis in diesem Jahr war (nicht für mich persönlich, aber sicher für viele andere Menschen) die Gesetzesänderung in Argentinien für Transgender, das Geschlecht, den Namen und Geschlechtsumwandlungen selbst bestimmen zu dürfen und nicht auf psychologische Gutachten angewiesen zu sein sowie die legalisierung der Ehe von Homosexuellen in einigen Staaten der USA (Ich glaube beide ereignisse waren 2012 zuzuordnen, bin mir aber nicht ganz sicher :D).
    Auch ein ganz großer Applaus an dich selbst. Der Schritt, dem Abnehmwahn zu "entsagen", ist unglaublich mutig und unglaublich schwer (weiß ich aus eigener Erfahrung). Ich wünsche dir ganz viel Kraft, Glück und Freude für 2013 :D
    Liebe Grüße,
    Janne.

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