Mittwoch, 17. Oktober 2012

Klartext.

Ich versuche beim Schreiben dieses Blogs ehrlich zu sein. Ich versuche das zu schreiben, was ich denke und es unbeschönt niederzuschreiben. Dass das für mich auch bedeutet, Blöße zu zeigen, ist mir bewusst. Mir ist klar, dass ich viele Ängste und Gedanken offenlege, die ich sonst vielleicht nicht äußern würde.  Manchmal denke ich, dass ich vielleicht zu viel von mir selbst preisgebe - aber wenn ich dadurch Denkprozesse anschieben kann, dann kann ich damit leben. Worauf ich aber überhaupt keine Lust habe, ist, wenn mir persönlich Vorwürfe gemacht werden.
In den letzten Wochen habe ich viel über das, was ich hier schreibe und das, was ich auch täglich vertrete, diskutiert. Natürlich hört man nicht nur positives und natürlich fallen einer_einem danach noch viele Dinge auf, die nicht zu Ende gedacht waren, die man hätte besser machen können. Solche Kritik ist kein Problem für mich. Es sind nur die Relativierungen, die mich wirklich wütend machen:

Ich sei zu empfindlich, heißt es. Ich sei zu empfindlich, ich solle nicht aus jeder kleinen Mücke einen Elefanten machen. Ich solle nicht in jedem unüberlegten Spruch, einer Werbung oder in einem Klaps auf den Hintern Sexismus wittern und mich persönlich angegriffen fühlen. Das sei schließlich viel zu allgemein und damit würde ich dann ja auch gleich jeden Mann als Vergewaltiger bezeichnen. Aus dieser Analyse - die ich zwar nicht teile aber natürlich als Meinung akzeptiere - entstand dann schnell ein Fazit, das mir zeigt, dass da jemand tatsächlich nicht zu Ende durchdacht hat. Unter anderem wurde mir gesagt, ich müsse mir nur ein dickes Fell anschaffen, dann würde ich das alles schon nicht mehr so eng sehen. Schließlich sei das alles ja auch gar nicht immer so böse gemeint, wie ich es darstelle.
Kann das ernsthaft die Lösung sein? Soll ich einfach wegsehen? Natürlich wäre ich glücklicher, wenn ich all das nicht ernst nehmen würde. Natürlich hätte ich auch weniger Probleme, müsste mir weniger Gedanken machen und würde mich seltener aufregen. Aber ich bin froh, dass ich so sensibilisiert bin! Und deshalb kann und möchte ich auch niemandem einen Übergriff durchgehen lassen. Deswegen werde ich auch meinetwegen gerne weiterhin bei einigen Menschen auf taube Ohren oder Unverständnis stoßen. Es kann doch nicht die Lösung sein, dass ich, die ich mich angegriffen fühle und die unter dem Habitus einer bestimmten männlichen Gruppe leidet, mich verändern muss. Dass ich mir ein dickes Fell zulegen muss um die Realität zu ertragen. Was ist das bitte für eine Logik, in der der Stärkere einfach gewinnt und niemand sich dranmacht die Umstände zu ändern. Das hat einfach nichts mehr mit Emanzipation zu tun!
Und genau so ist es auch respektlos und unreflektiert, die Probleme, die ich anspreche (worin ich auch oft unterstützt wurde!), zu relativieren und auf meine persönliche Empfindung zu reduzieren. Nein, verdammt, ich bin nicht die einzige, die darüber nachdenkt und darunter leidet. Das Problem liegt eben nicht bei mir - das Problem liegt bei denjenigen, die mich als schwach darstellen, die sagen, ich sei überempfindlich.

Und genau so wenig wie ich mir ein dickes Ignoranz-Fell anlegen möchte, will ich mich denen anpassen, die mich unterdrücken. Im Klartext heißt das: Das Problem, dass ich in Debatten oft nicht zu Wort komme, weil ich mich nicht traue oder weil ich unterbrochen werde, ist nicht durch mich entstanden, sondern wird mir zugemutet. Ich solle mich durchsetzen, heißt es. Lauter sprechen, nicht nachgeben, wenn mir jemand ins Wort fällt, einfach lauter und deutlicher werden. Keine Emotionen zeigen und mich nicht verunsichern lassen.
Mein Verständnis von Feminismus ist eigentlich ein ganz anderes. Ich bin fest davon überzeugt, dass es nicht meine Aufgabe sein kann, mich dem Rumgemacker einiger privilegierter Herren anzupassen um sie zu übertönen oder nicht unterzugehen. Es kann doch nicht Ziel sein, dass wir uns alle auf ein Niveau der Gesprächskultur begeben, auf dem es nur noch darum geht, lauter und rücksichtsloser als die anderen zu sein! Ich sehe mich nicht in der Position, meine Achtung vor anderen Gesprächsteilnehmer_innen ablegen zu müssen um mich zu profilieren. Eigentlich habe ich nicht vor, mir den Habitus anzueignen, der in unserer Diskussionskultur vorherrscht. Eigentlich möchte ich die generellen Umgangsformen ändern. Feminismus bedeutet für mich auch, Rücksicht zu nehmen und aufmerksam zu sein. Die Lautstärke der Stimme hat nichts über die Schlagfertigkeit der Argumente zu sagen.


Vielleicht machen wir uns viel zu viele Gedanken, wenn wir kritisiert werden. Ich spreche dabei nicht von allgemeiner, sachlicher Kritik, sondern von den Worten, die uns als Person angreifen oder unser Handeln als Feminist_innen oder Nicht-Privilegierte angreifen. Wenn etwas angezweifelt wird, suchen wir den Fehler erst bei uns. Ja, vielleicht sollte ich wirklich lauter sprechen und mich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Vielleicht sollte ich wirklich nicht jeden Spruch so ernst nehmen. Aber so lange ich mich dadurch angegriffen fühle, steht es mir sehr wohl zu, so zu handeln, wie ich es bisher getan habe.

Ich will mir weder ein dickes Fell aneignen (dazu bin ich auch gar nicht in der Lage) noch will ich rummackern müssen, um mithalten zu können.
Nicht ich bin das Problem, sondern ich werde zum Problem gemacht.

1 Kommentar:

  1. Und zum Beweis für alle, die meinen, du persönlich bist zu empfindlich: Ich konnte bisher jeden Blogeintrag sehr gut nachempfinden und weiß auch, dass ich nicht die Einzige bin. Du bist nicht allein! Und dass du mit deinen mutigen Texten gleich die Stimme für andere mit erhebst, ist bewunderswert statt zu zerreden.

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