Donnerstag, 11. Oktober 2012

Haters gonna love.

Von Liebe und Hass und Hass und Liebe.
Heute ist Coming out-Day. Wie viel dieser Tag tatsächlich bewegt, vermag ich nicht zu sagen, allerdings will ich ihn zum Anlass nehmen, um auf den Grundgedanken meines ersten Beitrags (was ja auch gar nicht so lange her ist) zurückzukommen. Ich schrieb, dass ich kein Bock auf Heteronormativität habe, weil ich das als Zwang empfinde. Ein Zwang, Frau zu sein und Männer zu begehren. Nichts dazwischen, nichts abweichendes, nichts dadrüber und nicht darüber hinausgehend. Frauen, Männer - fertig. Das will ich nicht und das kann ich auf Dauer nicht.

Ich glaube, dass sich unsere Gesellschaft an einem Punkt befindet, an dem wir das ändern können. Ich glaube auch, dass die Sprache, mit der wir Begehren beschreiben, enorm viel Aussage hat - lasst es mich erklären.
Wenn ich als Frau sage, ich habe einen Menschen an meiner Seite, gehen wahrscheinlich alle im ersten Moment davon aus, dass dieser Mensch ein Mann ist. Dann wird darüber einen Tag gesprochen und danach bringt man mit dieser Beziehung zwei Dinge in Verbindung: Auf der einen Seite stehen die Gefühle - Liebe, Bauchkribbeln, Vertrauen und vielleicht auch mal Streit und Wut. Und als Zweites: Zukunft. Wie entwickelt sich die Beziehung? Wie viele Monate oder Jahre bleiben sie zusammen? Heiraten? Familie? Kinder? Das ist einfach. Das kennen wir, das ist “normal”, eben ein typischer Lebensentwurf für eine Beziehung zwischen Mann und Frau. Denken wir über Sexualität nach? Nein, der erste Gedanke ist Liebe. Das Zwischenmenschliche. Das, was uns verbindet, uns verliebt macht, Vertrauen aufbaut, die Gespräche, die flüchtigen Berührungen, das, was zwischen uns etwas ganz Besonderes schafft.

Wenn ich nun als Frau sage, dass der Mensch an meiner Seite eine Frau ist, dann müssen, wir es deutlicher machen. Wir müssten sagen: Ich bin homosexuell. Im Gegensatz dazu musste ich noch nie sagen, dass ich heterosexuell bin. Davon gehen ja eh alle aus. Wenn ich nun sage, ich sei homosexuell, geht das Gerede los. Wahrscheinlich endlos, auf der Straße, aber auch im sozialen Umfeld. Aber wer fragt schon nach Liebe? Nach Zukunft? Nach dem Wunsch, eine Familie zu gründen? Das fällt unter den Tisch. Wer fragt, wie verliebt ich bin, wie es läuft und wie die Pläne aussehen? Dadurch, dass man sagen muss “Ich bin homosexuell” klingt das Wort “Sexualität” sofort mit. Homosexualität und das gleichgeschlechtliche Begehren werden hypersexualisiert und einseitig dargestellt. Der Ausdruck dafür beschränkt sich allein dadrauf, was im Bett passiert und vernachlässigt somit komplett, dass es sich bei einer gleichgeschlechtlichen Liebe doch um nichts anderes dreht als um Gefühle - Liebe, Bauchkribbeln, Vertrauen und vielleicht auch mal Streit und Wut - und die Zukunft.

Ich kann nicht verstehen, wie man andere Menschen dafür hassen kann, dass sie einander lieben. Eine Liebe nur nach Sexualität zu bewerten ist fahrlässig und dumm. Niemand muss sich für das rechtfertigen, was er_sie denkt, fühlt, will oder wünscht. Was er_sie sich für die Zukunft wünscht, ob er_sie das für immer beibehält oder wie er_sie begehrt. Rechtfertigen müssen sich nur diejenigen, die das Begehren anderer Menschen in Frage stellen.
Ich wünsche mir einfach, dass wir nicht nur die rechtliche Gleichstellung erkämpfen, sondern noch viel mehr schaffen. Dass dieser Begriff der Normalität - ergo der Heteronormativität - aus unseren Köpfen verschwindet und wir begreifen, dass wir alle unterschiedlich sind und das Denken und Tun jeder_jedes Einzelnen respektiert und anerkannt werden muss, um uns aus unseren Zwängen zu befreien.
Ich wünsche mir so sehr, dass niemand mehr zuhause sitzt und darüber nachdenken muss, ob er_sie sich “outet”. 


Ihr Lieben, seid freier, als die Zwänge es erlauben. Liebt, wen ihr wollt.

Kommentare:

  1. Hey Merle, ein sehr wundervoller Artikel, der groß in einer Zeitung gedruckt werden sollte.
    Sehr wahr und schön beschrieben :)

    Liebe Grüße, Marie

    AntwortenLöschen
  2. Der Hetero-Standard ist ebenso hypersexualisiert. Warum muss das denn sonst fortwährend in den Medien verbreitet werden wie Heteros Sex miteinander haben, Kinder bekommen, heiraten und sich knutschen?

    Davon mal abgesehen, dass Begehren keine Frage des Sex ist und der Sexualität ist!
    also ist ich bin blahsexuell nur bedingt richtig, das eigene Begehren zu beschreiben.

    Solange Mann-Frau die geförderte und pädagogisch, gesellschaftlich erwünschte Standardbeziehung ist und Sex in deren Hirnen unabdingbar, um die "Keimzelle" des Staates und der Kirche, die Familie, am Leben zu erhalten, solange outen, das benennen von Begehren negative Folgen hat, werden selten Leute, die nicht genormt sein wollen, ein glückliches Leben führen können.

    Heterosein hat erhebliche Mehrwert.

    AntwortenLöschen